das Beste.

Glaubst du, dass jeder Mensch immer sein Bestes gibt?

Was ist dein erster Gedanke zu dieser Frage?

Und was ist dein zweiter?

Mein erster Gedanke war „Nein, auf keinen Fall. Auf gar keinen Fall.“. Inzwischen fällt mir die Antwort schlichtweg schwer. Was ich nach einer Weile Nachdenken aber ganz sicher weiß, ist, dass ich sehr gern mit „Ja“ antworten möchte. Aus zwei Gründen:

  1. Wenn ich davon ausgehen darf, dass jeder immer sein Bestes gibt, habe ich keinen Grund mehr, irgendetwas an ihm oder ihr ändern zu wollen oder zu verurteilen. Ich muss lediglich überprüfen, ob ich mit diesem „Besten“ klarkomme. Ob dieses „Beste“ meine Grenzen überschreitet.
  2. Wenn jeder sein Bestes gibt, dann trifft das auch auf mich zu. Es nimmt mir das Gefühl, nicht gut genug zu sein oder in einer Situation nicht gut genug gehandelt zu haben. Es befreit mich von dem Gefühl, perfekt sein zu müssen.

Ich gebe zu, es waren viele Gedankengänge und -verzweigungen notwendig, um so zu denken bzw. so denken zu wollen. Und das Thema beschäftigt mich noch immer sehr.

Wholehearted

Und woher kommt der Gedanke? Ich lese gerade das dritte Buch von Brené Brown. Ihre Bücher handeln von Verletzlichkeit, Scham, dem Gefühl, nicht gut genug zu sein und vor allem vom Weg zu einem Leben, das von ganzem Herzen gelebt wird. Sie nennt das Wholeheartedness. Sie forscht seit Jahrzehnten in diesen Bereichen und lebt ihre Forschung selbst. Verändert sich, ihre Sicht, ihr Verhalten, weil sie immer weiter lernt.

Auf jeden Fall, im Buch „Rising Strong“ wirft sie diese Frage auf, die ich dir am Anfang dieses Posts gestellt habe. Sie selbst muss sich mit ihr auseinandersetzen, befragt zahlreiche Personen. Bei ihrer Forschung trifft sie grob auf zwei Gruppen. Die einen, die ganz klar davon ausgehen, dass andere ihr Bestes geben. Und die anderen, die das nicht tun.

Für Perfektionisten gibt es kein Gut genug

Perfectionism is self destructive simply because there is no such thing as perfect. Perfectionism is an unattainable goal. 

Brené Brown

Wie sich herausstellt sind letztere diejenigen, die auch in ihrem eigenen Leben immer alles perfektionieren, sich selbst nicht als gut genug wahrnehmen. Die anderen tun dies nicht. Nun bedeutet das aber nicht, dass die Ja-Sager einfach keine Anforderungen an sich stellen. Das könnte man ja denken. Aber so ist es nicht.

Wie so oft in Brené‘s Büchern konnte ich mich auch hier wiederfinden. Bei den Nein-Sagern. Kein schöner Moment, denn mir wurde klar, was ich eigentlich schon wusste: Ich bin viel zu hart mit mir und mit anderen. Nicht permanent. Zum Glück. Und auch nicht mit jedem. Aber es fällt mir schwer zu akzeptieren, wenn jemand nicht nach Maßstäben lebt, die ich an mich selbst stelle und ehrlicherweise auch kaum erfüllen kann.

Es ist hart, das aufzuschreiben.

Ich bin also nie niemals davon ausgegangen, die Menschen würden ihr Bestes geben. Wie sollte das auch irgendjemand ständig können. Das Problem oder vielmehr die Erkenntnis an dieser meiner Einschätzung aber ist für mich nun, dass ich keine Ahnung habe, was für irgendjemanden SEIN Bestes ist. Und was bedeutet das überhaupt? Das Beste? Kann man wirklich erwarten, dass irgendjemand in jeder einzelnen Situation seines Lebens dazu in der Lage ist, das Allerbeste zu geben, was in ihm oder ihr steckt und was er oder sie an einem perfekten Tag geben könnte?

Das Beste ist nicht jeden Tag gleich gut

Die Betonung liegt hier auf dem „dazu in der Lage ist“. Es hängen doch eine Million Dinge am Verhalten einer Person. Neben den ganzen Voraussetzungen, die du aus deiner Vergangenheit mitbringst. Dazu zählen Erfahrungen, Glaubenssätze, Einstellungen und Weltanschauungen und alles andere Mögliche. Dazu zählt aber auch deine Tagesverfassung und alles, was darauf einwirkt. Ganz sicher bist du nicht dazu in der Lage in gleicher Weise auf ähnliche Situationen zu reagieren, wenn du gerade gekündigt wurdest wie am Tag zuvor. Gut vielleicht kannst gerade du das, aber viele nicht.

Für jeden ist das Beste anders gut

Und was mich wirklich wirklich beschäftigt, ist, dass wir alle völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie wir uns gut fühlen und wie es aussieht, wenn wir das Beste geben. Der ein oder andere hat vielleicht nicht mal eine Vorstellung davon. Und ich kann „das Beste“ auch nicht mit richtig übersetzen. Oder vielleicht doch. Denn „richtig“ hat so viele Facetten wie auch „das Beste“. Vielleicht gibt es das einfach gar nicht. Zumindest nicht in einer pauschalisierenden, für jeden übereinstimmenden Definition.

Es ist leicht von außen auf ein Leben zu gucken und die ganzen kleinen Details herauszupicken, die man selbst anders machen würde. Die Mutter, die dem schreienden Kind an der Supermarkt-Kasse am Mittwoch einfach den Lolli kauft und am Freitag verweigert, gibt höchstwahrscheinlich an beiden Tagen ihr tagesformabhängiges Bestes nach ihren eigenen Maßstäben – nicht nach deinen oder meinen, nach ihren. Am Mittwoch fehlen ihr vielleicht die Nerven oder (!) sie hat dem Kind schon seit Stunden einen Lolli versprochen. Am Freitag gab es vielleicht Kuchen in der KiTa oder die Mutter versucht an diesem Tag einfach ihre Grundsätze zu erfüllen.

Aber könnte man nicht..

In jeder Situation genauestens darüber nachdenken, was man wie am besten machen kann, alles, was man weiß, beherzigen, besonders das, wo man genau weiß, man will es eigentlich so machen? Kannst du das? Ich nicht. Zwar bin ich jemand, die versucht sich zu entwickeln und dazu zu lernen und dieses Wissen auch anzuwenden. Das fällt mir aber nicht in jeder Situation oder an jedem Tag gleich leicht. Wie die Mutter im Supermarkt reagiere ich an manchen Tagen genauso, wie ich es in einem Ratgeber aufschreiben würde. An anderen Tagen als absolutes Negativbeispiel.

Nicht, weil ich nicht mein Bestes gebe. Vielleicht gebe ich nicht dein Bestes, was du heute geben könntest. Vielleicht schaffe ich das nie. Wahrscheinlich gebe ich auch nicht das Beste, das ich geben könnte, wenn ich alles mobilisiere, was ich habe. Aber.. wenn ich das tun würde, könnte ich das dann in der nächsten Situation auch noch?

Wenn ich beim Beintraining mein absolut Bestes gebe, also alles, was meine Beine hergeben, ist mein Bestes bei einer anschließenden Laufrunde im Wettkampftempo deutlich schlechter als wenn ich mir meine Kraft so einteile, dass ich für beides Energie habe. Noch schneller bin ich, wenn ich die Laufrunde ohne vorheriges Beintraining absolviere. Ich kann mir also überlegen, ob ich meine Kräfte für beide Aktivitäten aufteile oder eine von beiden priorisiere.

Und genauso ist es im Alltag. Wenn mein Arbeitstag schon stressig war, reagiere ich auf Konflikte im Privaten deutlich weniger gelassen als wenn ich einen äußerst positiven und entspannten Vormittag hatte. Ich versuche doch aber trotzdem an beiden Tagen mein Bestmögliches zu geben.

Jeden das Beste tun & sein lassen

Und nun? Wie ich bereits oben angerissen habe, hat mich diese neue Einstellung zum Verhalten anderer (und meinem Verhalten) unheimlich befreit. Auch wenn ich schon eine Weile versuche, nicht zu werten, was andere nach meinen Maßstäben anders machen könnten. Dieses Wissen oder diese Gedanken sind mir dabei eine große Hilfe. Es eröffnet mir einen sehr positiven Blick auf die Menschen um mich herum. Ich habe nicht mehr das Gefühl, meine Maßstäbe auf sie übertragen zu müssen.

Oder ihre auf meine. Zumindest schaffe ich es immer öfter, mir das bewusst zu machen. Niemand kann immer und überall die absolute Maxime erfüllen, die andere als das Beste festlegen. Und das ist auch gut so.

Entspannen wir uns also!

_deine Andrea

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