Ein ganz neues Jahr.

Es ist der 1. Januar. Der Tag des Neuanfangs. Zumindest in der westlichen Welt. Das Datum sieht ohne Zweifel sehr schön sauber aus an diesem Tag. Zweimal 1. Zweimal 0. Und eine vierstellige Zahl, die frisch wirkt, weil wir sie bisher, wenn überhaupt, nur sehr selten für Termine und Co. benutzt haben. Heute ist also der 01.01.2017. Auch auf mich wirkt dieses Datum neu und frisch und irgendwie verführerisch. Wie leere Hefte und Blöcke, neue Stifte am ersten Schultag. Ich liebe leere Seiten in neuen Notizbüchern. Selbst die leere Eingabemaske beim Erstellen eines neuen Blogbeitrags löst in mir den Drang nach kreativem Handeln, den Wunsch, etwas Neues zu erschaffen, aus. Und ein ganz kleines Bisschen hat auch der erste Tag eines neuen Jahres noch diesen Effekt.

Aber nur noch ein ganz kleines Bisschen. Denn, wie das neue Notizbuch schon nach den ersten wenigen Seiten nicht mehr neu, unverbraucht und völlig neu beschreibbar ist, ist auch das neue Jahr bereits am 02.Januar nicht mehr neu. Der Reiz verfliegt bereits nach wenigen Wochen und schnell wird mir klar, dass eigentlich alles noch genauso ist, wie wenige Wochen zuvor. Und der Stift.. Nunja, der ist nicht neu. Das sind wir. Wir können ihn vielleicht anspitzen, aber deshalb ändert sich nicht automatisch, wer wir sind. Nicht der Stift füllt die Seiten, sondern die Worte und Bilder, die wir damit erschaffen. Wirklich erschaffen, nicht nur erdenken. Indem wir uns in einer bestimmten Art und Weise verhalten.

Vorsatz-Zauber

Wahrscheinlich weißt du schon, worauf ich hinaus will. Früher habe ich mir am 31. Dezember sehr gern die Zeit genommen und geplant. Ich habe mir alle möglichen Dinge überlegt, die ich anders machen will. In der Regel hatten die mit Sport und Gesundheit zu tun oder mit Aktivitäten, die mir interessant, witzig oder zumindest ausprobierenswert erschienen. Ich habe das geliebt. Es hat solchen Spaß gemacht, mir vorzustellen, wie ich ein gesünderer, fitterer und ein Mensch werde, der unheimlich coole und interessante Sachen erlebt. Nach dem Schreiben dieser Liste (selbstverständlich in ein neues Notizbuch) habe ich mich jedesmal gut und voller Tatendrang gefühlt.

Und dann, nachdem die ersten Seiten des neuen Jahres nicht mehr weiß waren und nach Kreativität schrien… Sicher kannst du dir denken, wie viele meiner Vorsätze am Ende des Jahres umgesetzt oder zur Routine geworden waren. Eher keine. Vielleicht kennst du das selbst. Ein Vorsatz ist eben doch nur ein Satz. Und egal mit wie viel Hingabe und Zuversicht und Motivation und fester Überzeugung und Umsetzungswillen und an welch magischem Datum ich ihn notiert habe, in die Tat umgesetzt habe ich ihn nur dann, wenn er mir wirklich wichtig war.

Wenn ich aber einen Vorsatz, den ich mir mit so viel Herzblut vorgenommen hatte, am Ende des Jahres nicht umgesetzt hatte.. Das hat mich jedesmal getroffen. Ich hatte das Gefühl, versagt, es wieder mal nicht geschafft zu haben. Einfach nicht dafür gemacht zu sein. Wobei, eigentlich habe ich diese Gefühle gar nicht zu gelassen. Meine Gedanken gingen eher in Richtung „Dafür hatte ich nun wirklich keine Zeit“ oder „Das mache ich nächstes Jahr“. Über einige Jahre gestalteten sich meine Vorsatz-Listen deshalb sehr ähnlich.

Ziele ohne Vorsatz

Also habe ich irgendwann angefangen, einfach das zu tun, was ich tun will, sobald ich es tun will. Ohne großes Palaver. Eine Idee führt mich nun zu etwas Recherche oder ein paar Gedanken. Und die wiederum bringen die Entscheidung für oder gegen die Idee. Und dann setze ich die Idee um. Der Tag, an dem ich aufgehört habe zu rauchen, war so der 21. Februar 2005. Der Tag, an dem ich anfing, Sport zu treiben, war irgendwann im März danach. Mit dem Nähen habe ich im Mai 2015 begonnen und Yoga mache ich seit letztem September. Ich habe mein Laufpensum erhöht im Juni 2016. Einfach, weil es mich gejuckt hat. Und weißt du was? Ja, wahrscheinlich kannst du es dir denken. Ich betone es aber trotzdem nochmal: All diese Sachen und noch unzählige weitere, ziehe ich durch. Bis heute. Manches habe ich angefangen und nicht weiter gemacht. Aber nicht, wie früher, weil eine Vorsatz-Blase geplatzt ist, sondern weil es einfach nichts für mich war oder ich es ganz bewusst auf später verschoben habe. Manches passt einfach nicht in mein Leben oder in den Moment. Und das ist okay.

Ich probiere vieles aus und versuche Bereiche in meinem Leben, die mir wichtig sind, weiter zu vertiefen. Es gibt viele Sachen, die ich noch tun will, die aber einfach im Moment nicht passen. Für die ich mir keine Zeit nehmen möchte oder die etwas anderes voraussetzen, was ich aber noch nicht bereit bin umzusetzen. Ich ändere auch mal meine Prioritäten, wenn ich etwas tun will. So stehe ich seit ein paar Monaten früher auf, um mehr Zeit für Projekte, Familie und Sport zu haben. Ich denke, das machen wir alle so. Sobald uns etwas wichtig ist, finden wir einen Weg dorthin.

Die Nicht-Gut-Genug-Liste

Das Erstellen einer Liste an Vorsätzen klingt für mich noch auf andere Weise negativ an. Das Gefühl, so eine Liste überhaupt schreiben zu müssen, bedeutet doch, dass wir, so wie wir sind, nicht gut genug sind. Versteh mich nicht falsch. Ich bin selbst sehr daran interessiert, mich zu entwickeln und zu lernen und auch meinen Körper gesünder und stärker werden zu lassen, mich in ihm wohl zu fühlen. Aber mit so einer Liste suchst du dir doch alle Dinge an dir heraus, die dir nicht gefallen. Die dich vielleicht sogar frustrieren. Zurück bleibt zunächst das Gefühl „Oh man, bin ich ein Loser“ und dann „Wenn ich all das erreicht habe, bin ich endlich gut genug für was auch immer“. Und dann, wenn du deine Ziele nicht erreichst, wird dieses Gefühl des Nicht-Gut-Genug-Seins noch verstärkt mit Gedanken wie „Ich kanns einfach nicht“. „Ich bin halt so und so“. Und so weiter. Sicher fallen dir weitere Beispiele ein.

Und wenn du alle Ziele erreicht hast? Wenn du es doch irgendwie schaffst, dich schöner, gesünder, sozialer und liebenswürdiger zu machen? Ja für wen hast du das gemacht? Liebst DU dich dann mehr? Oder hoffst du vielleicht eher, dass andere dich mehr lieben? Und was wenn nicht? Dann kommen Gedanken wie „nicht mal so bin ich gut genug“ oder „es nützt doch alles nichts“. Nochmal, ich will dir hier nicht empfehlen, dich nicht zu entwickeln, dein Leben nicht gesünder, entspannter und lebensfroher zu gestalten, berufliche Ziele nicht anzustreben oder dergleichen. Aber, wenn du das machst, mach es für dich. Nicht um am 31.12. jemand anderem zu beweisen, dass du es geschafft hast oder in der Hoffnung, dein ganzes Leben würde sich ändern, wenn du nur diese Ziele erreichst.

Ich finde, anstelle der Negativ-Bilanz, die so eine Liste irgendwie darstellt, könntest du dieses Jahr einfach mal alles notieren, was du schon erreicht hast. Was war gut im letzten Jahr? Womit fühlst du dich wohl? Wofür bist du dankbar? Und sobald du etwas tun willst, egal wann, dann machst du es. Leg die Entschuldigung zur Seite und fang an. Denn vielleicht ändern sich von Silvester zu Neujahr ein paar mehr Zahlen, aber genau genommen beginnt jeden Tag ein ganz neues Jahr!

_deine Andrea

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Copyright © 2016. Andrea Kuhn . Impressum . Datenschutzerklärung