Langsam laufen.

Noch vor einem Jahr war ich so sehr darauf fokussiert, schnell zu laufen. Ich liebe das. Noch immer. Es ist ein unheimlich tolles Gefühl, leicht über die Laufwege zu rennen. Zu schnell zu sein für die Gedanken, die im Kopf kreisen. Mich anzustrengen. Meine eigene Leistung zu übertreffen. Und wenn es nicht leicht ist, liebe ich es fast noch mehr. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Liebe zum schnellen Laufen und dem Gefühl das tun können zu müssen.

Nicht schnell genug.

Bis vor einigen Monaten machte mich meine Uhr aller 800m darauf aufmerksam, wie schnell (oder in meiner Wahrnehmung meistens langsam) ich bin. Und sehr selten war mir dieses Tempo gut genug. Das ist es wieder. Dieses „nicht gut genug“. Wie sehr diese Gedanken mein Leben bestimmen und immer schon bestimmt haben, wird mir erst nach und nach bewusst. Das Laufen war ein Wettkampf mit mir selbst und um ehrlich zu sein auch mit anderen. #beatyesterday. Eigentlich soll das ja eine absolut positive Motivation sein. Für mich war es das nicht. Egal wie schnell ich war, ich hatte fast immer das Gefühl, es reicht nicht (für wen eigentlich??). Auch wenn ich das nicht zugegeben hätte. Letztendlich habe ich nicht mal wirklich gesehen, welche Fortschritte ich mache.

Aber.. irgendwann.. Vor ein paar Monaten wurde das weniger. Ich denke, durch das viele Reflektieren und dieses Bewusstsein, dass ich diese Gedanken, nicht gut genug zu sein, überhaupt habe, hat sich auch beim Laufen viel für mich geändert.

Ich nehme nun wahr, wenn ich mit der Zeit auf der Uhr unzufrieden bin. Das bin ich noch immer. Aber seltener. Und seit einer Weile kommt immer wieder ein anderer Gedanke hinterher. Die Dankbarkeit, überhaupt laufen zu dürfen. Die Dankbarkeit, gesunde Beine zu haben. Die Dankbarkeit, mir die Zeit nehmen zu können (und dies auch zu tun), um zu laufen. Die Dankbarkeit in einer Familie zu leben, in der das Laufen eine große Rolle spielt. Und dann ist die Zeit nicht mehr so wichtig. Ich vesuche nicht, den Gedanken wegzudrücken. Das geht eh nicht. Aber der Wechsel auf die positiven Gedanken entfernt ihn auch so aus meinem Kopf und lässt mich mit einem guten Gefühl zurück. Denn die Gedanken anders vertreiben zu wollen, ist auch wieder nur ein Kampf, der mich glauben lässt, etwas falsch zu machen. In diesem Fall, die falschen Gedanken zu haben.

Langsam genug.

Noch etwas anderes ist in dieser Zeit passiert. Ich habe gelernt, die langsamen Läufe zu lieben. Noch vor einem Jahr war das langsame Laufen schwierig für mich. Die Gedanken, die währenddessen in meinem Kopf Tabula Rasa spielten, waren so aufwühlend, dass der Lauf alles andere als entspannend war. Ich konnte mich dieser Langsamkeit einfach nicht hingeben. So nach dem Motto, wenn ich schon nicht meinen Körper fordern kann, dann wenigstens meinen Geist.

Und jetzt ist das anders. Ich schätze inzwischen die Abwechslung zwischen rotem Kopf und „ich kann das Shirt auch morgen nochmal anziehen“. Diese Abwechslung im Training war immer eher ein Muss. Mir war klar, dass ich regenerieren muss. Dementsprechend sah mein Trainingsplan aus.

Und nicht nur die Abwechslung macht die langsamen Läufe jetzt besonders. Meine Gedanken haben einen ganz anderen Charakter. Durch das Beschäftigen mit den Büchern von Brené Brown* ist mir klar geworden, vor welche Aufgaben ich meinen Kopf täglich stelle. Und meine Gefühlswelt. Über Dinge und Menschen nachzudenken.. Belastende Gedanken über Dinge und Menschen zu haben, bringt nichts. Weder den Dingen noch den Menschen und schon gar nicht mir. Und beim Laufen kommen diese Gedanken schnell. Der Kopf hat nichts zu tun und räumt die Schubladen auf.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass diese Gedankenwelt nun ganz anders ist. Lösungsorientiert, entspannt oder auch begeistert. Beim langsamen Laufen fällt es mir viel leichter, Ideen zu sammeln, die Natur und das Laufen zu genießen. Ich entdecke neue Wege und bin offen für all die kleinen Wunder, die mir auf der Laufstrecke begegnen. Das ist unglaublich erfrischend.

Inzwischen machen Läufe mit einer Herzfrequenz unter 75% hfmax einen großen Teil meiner Laufwoche aus. Dafür werden sie länger. Vielleicht werde ich dadurch nicht so schnell schneller wie ich schneller werden könnte, wenn ich öfter schneller laufen würde. Aber dafür ist jeder Lauf eine besondere Erfahrung und gibt mir Energie für den ganzen Tag. Das ist so viel mehr wert, als irgendeine Zeit zu erreichen.

Wie ist das bei euch? Was ist euer Lieblingstempo?

-Alles Liebe, Andrea

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