ReAgieren.

In Streits war früher einer meiner häufigsten Sätze dieser:

Ich reagiere nur auf das, was du gesagt hast.

Also so nach dem Motto, hättest du das jetzt nicht gesagt, würden wir überhaupt nicht streiten. Du bist schuld. Ich REAGIERE ja nur. Nicht nur, dass ich die Schuld für den Streit komplett auf die andere Person geschoben habe. Ich habe mir selbst auch die Fähigkeit abgesprochen, darüber entscheiden zu können, was ich wann warum sage oder tue.

Das wird mir jetzt bewusst. Und auch wird mir bewusst, dass ich genau das nicht konnte. Oder gar nicht erst die Notwendigkeit oder Möglichkeit gesehen habe, in jeder einzelnen Situation zu entscheiden, nicht zu reagieren. Nicht auf etwas anzuspringen. Etwas nicht an mich heranzulassen. Mich zu entscheiden, nicht mitzugehen.

Ich übe gerade in jeder erdenklichen Situation nicht zu reagieren. Hier ein paar Beispiele:

  • Eine nahestehende Person nennt mich „Trampel“, weil ich ihr aus Versehen auf den Fuß getreten bin. Die Person sagt das nicht lustig oder nett sondern sehr attackierend.
  • Mein Sohn ist völlig übermüdet und bekommt einen Wutanfall nach dem anderen.
  • Ich tue unwissend oder halbwissend etwas, das jemand anderen in eine Situation bringt, die er vermeiden wollte. Die andere Person ist genervt – vermutlich eher von der Situation als davon, dass ich ihn dorthin gebracht habe; aber der Ärger, das Genervtsein landet bei mir.
  • Ich kann wegen jemand anderem nicht rechtzeitig zu einem Kurs gehen.

Es gibt unzählige dieser Situationen. Jeden Tag. Und lange Zeit haben die Reaktionen auf diese Situationen meinen Alltag, meinen Tag, mein Leben in gewisser Weise bestimmt. Nachmittage, Abende, ganze Tage konnten in Streit, Traurigkeit und Emotionen versinken, weil ich einfach nur reagiert habe.

Und wenn ich auf die vergangenen Wochen zurückblicke, dann sehe ich so viele Situationen, die nicht eskaliert sind, weil ich mich stoisch (!!!) dazu entschieden habe, meine Emotionen zu kontrollieren. Ich war schon immer ein sehr emotionaler Mensch und hatte regelrecht Angst davor, dies nicht mehr zu sein. Ich dachte, ich wäre dann gefühlskalt.

Das Gegenteil ist der Fall. Die ganzen positiven Emotionen kann ich viel mehr schätzen. Sie sind da. Und auch die negativen. Ich lasse sie auch weiterhin zu. Aber meine Reaktionen entstehen nicht mehr aus ihnen. Dieser erste Impuls, den du spürst, wenn jemand etwas sagt oder tut, das dir das Gefühl gibt, er oder sie würde dich angreifen. Diesen ersten Impuls versuche ich immer mehr ziehen zu lassen. Ich will nicht länger aus diesem Impuls heraus reagieren. Manchmal immer ist es besser, den zweiten oder dritten oder gar keinen Gedanken laut zu formulieren.

Wenn ich das Gefühl habe, jemand greift mich an, dann denke ich zunächst darüber nach, ob das wirklich so ist. Sind diese Worte, meine Interpretation davon wirklich ein Angriff? Meist nicht. Also ist eine Reaktion, die die Situation weiter verspannt, sinnlos. Auch Worte wie „das klang jetzt aber, als würdest du mich angreifen“ können bei einer gestressten Person falsch ankommen. Deshalb versuche ich gar nicht darauf zu reagieren.

Und wenn mich tatsächlich jemand angreifen will? Weißt du, ich frage mich inzwischen, warum es mir dann jemals wichtig war, solch einen Kampf zu kämpfen. Warum sollte ich jemandem, der oder die mir ganz bewusst etwas sagt, das mich verletzt oder wütend macht machen soll, mit einer Reaktion danken? Ich will anderen Menschen nicht die Macht geben, über meine Reaktionen und Emotionen zu bestimmen. Natürlich bin ich im ersten und sicher auch zweiten Moment verletzt und wütend. Und ja, in vielen Fällen ist es wichtig Grenzen zu setzen. Im Extremfall kann dies auch eine Trennung sein.

Aber diese Grenzen setze ich nicht in der Situation. Ich möchte diesen Moment der Wut und negativen Emotionen nicht verlängern. Warum? Anstatt für weitere reagierende Worte will ich meine Energie dafür nutzen, zu agieren. Selbst zu entscheiden, wie ich mit solch Situationen umgehe. Wie ich es schaffe, die Stimmung, die durch sie entstanden ist, wieder ins positive zu bringen.

Ich will meinen Tag positiv gestalten. Ich kann nicht verhindern, dass ich von etwas oder jemandem genervt bin. Und ich kann auch nicht verhindern, dass jemand nicht achtsam ist (das muss ich auch für mich erst lernen) oder mich bewusst negativ beeinflussen will. Ich kann aber entscheiden, wie ich damit umgehe. Und das übe ich. Stunde für Stunde. Und weißt du was? Alles ist leichter seither.

Ich habe nie erkannt, welch großer Faktor ich in Streits bin. Wie leicht ich einen Streit einfach nicht führen kann. Um zu streiten, braucht es immer zwei. Ich will nicht mehr die zweite sein. Ich setze meine Grenzen, ja. Jemand, der mich immer wieder angreift, ist kein Mensch, der langfristig Teil meines Lebens sein wird. Um diese Grenzen zu setzen, muss ich aber keine emotionsreichen Streits führen.

Wirklich spannend ist, dass ich durch das bewusste Nicht-Reagieren schon mehrfach dorthin gekommen bin, wo ich auch mit meinen einstigen Reaktionen immer landen wollte (aber selten gelandet bin): Bei einer Entschuldigung oder bei einer sofortigen Entspannung der Situationen.

Ich bin unglaublich dankbar für diese Einsicht, die ich dank dem Beschäftigen mit dem Stoizismus haben durfte. Und ich werde weiterhin jeden Tag daran arbeiten, sie umzusetzen, bis es mir irgendwann ins Blut übergegangen ist, nicht zu reagieren, sondern bewusst zu agieren.

_Schön, dass du hier liest. Andrea

2 Kommentare

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  • Oh ja! Das habe ich mir auch schon in vielen Situationen angeeignet und es macht regelrecht Spass zu merken, wie man selbst eine Situation oder eine Diskussion damit beeinflussen kann.
    Man wird zufriedener! Und auch unsere Gegenüber haben viel mehr Interesse daran mit uns zu kommunizieren oder in unserer Gegenwart zu sein. Man strahlt einfach unheimlich viel Ruhe aus.
    Es ist allerdings ein hartes Stück Arbeit dies in allen Situationen so zu schaffen, weil für unsere Reaktion auf Vieles ja auch tiefsitzende Verhaltensmuster der Grund sind. Sogenannte Schutzmechanismen die als erster Impuls anspringen. Wo wir dann wieder bei den Glaubenssätzen sind 😉 darüber bekommen wir doch sicher auch noch was Schönes zu lesen oder? 😊
    Danke für diesen schönen Bericht!

  • Sophie <3 Ich kann dir nur zustimmen. Und ja die Glaubenssätze.. Vielleicht sammeln wir mal welche. Aber ja. Da sind noch viele in meinem Kopf und das wäre auch ein Thema, mit dem ich mich gern nochmal intensiver beschäftigen würde.

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