Über Leben. #berlin

Ich hatte diesen Beitrag bereits vor zwei Tagen begonnen. Ich wollte von einer Freundin schreiben, die mir vor kurzem von einer jungen Mutter erzählt hatte. Diese ist an Brustkrebs erkrankt. Am Schluss ihrer Erzählung fiel der Satz „Da wird einem wieder einmal bewusst, wie kurz das Leben ist.“

Und ich wollte ein Zitat von Seneca teilen, das ich zur gleichen Zeit im Daily Stoic gelesen hatte:

Life is long if you know how to use it.

Und ich wollte von Aktivitäten erzählen, die uns schnell Tage, Wochen oder auch Jahre unseres Lebens kosten, ohne etwas Gutes in diesem zu bewirken. Von täglichen 20 Minuten, die du vielleicht damit verbringst sinnlose E-Mails und andere Post zu bearbeiten und die sich dann im Laufe deines Lebens schnell auf 1 Jahr summieren. Oder anderen Dingen, die du eigentlich irgendwie streichen, kürzen, delegieren oder anders weniger zeitintensiv umsetzen könntest. Aktivitäten, die dich weder glücklich machen oder entspannen oder die dich vorwärts bringen oder sonst in irgendeiner Form dazu beitragen, dass es dir besser oder gut geht.

Ich wollte dich fragen, wieviele Aktivitäten dieser Art es in deinem Leben gibt? Wie viele Aktivitäten dieser Art dein Leben verkürzen? Den lebenswerten Teil deines Lebens verkürzen? Nicht jeder Moment ist ein Abenteuer oder erzeugt Hochgefühle. Aber Seneca hatte bei mir einen wunden Punkt getroffen und auch John Strelecky, aus dessen Buch „Café am Rande der Welt“ die Berechnung mit den E-Mails stammt.

Und dann kam gestern, der 19.12.2016. Und ich wusste nicht mehr, wie ich die vielen Worte, die ich in diesem Beitrag schreiben wollte, schreiben sollte. Nicht, dass sie mir sinnlos oder auch nur weniger wichtig erschienen. Im Gegenteil.

Aber ich bin dennoch, in gewisser Weise, zerrissen. Ungläubig noch immer und, in gewisser Weise, verletzt. Es hat meine Stadt getroffen. Ja. Meine Stadt, die ich liebe. Die Stadt, in der ich groß wurde. Die Stadt, die meine Heimat ist, die mir trotz ihrer Größe und Unberechenbarkeit immer ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit gibt. Es wird nicht schlimmer, weil es meine Stadt ist, Nein. Ich muss das sagen, weil es sonst vielleicht falsch ankommt. In anderen Städten ist ein solches Ereignis genauso schrecklich. Dennoch, wenn es deine Stadt trifft.. Es tut weh, wenn es einen Ort trifft, den du liebst, an den du mit deiner Familie gehst, an dem du selbst bereits darüber nachgedacht hast, ob es eine gute Idee ist, dort deine Zeit zu verbringen, weil etwas passieren könnte. An den du trotzdem immer wieder gehst, weil du nicht willst, dass Angst bestimmt, dass irgendwelche dreckigen Arschlöcher irgendwer bestimmt, wo du hingehst.

Ja.. so erschreckend es auch ist, es ist nicht überraschend. In gewisser Weise haben wir wohl alle darauf gewartet. Auch ich. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum mir in den letzten Monaten noch mehr als sonst bewusst wurde, wie sehr ich mein Leben leben will. Wirklich leben. Nicht nur durch diese Ereignisse hat der Satz meiner Freundin mehr an Bedeutung gewonnen. Und dennoch auch Senecas.

Ich hatte so viele Worte im Kopf, um den hier begonnenen Beitrag zu füllen. Ich wollte schreiben, dass ich versuche, die Momente zu erleben, mir Zeit zu nehmen für die ganz kleinen Dinge. Das Sonnenlicht, das durch die Blätter dringt, zu sehen. Das Weihnachtslied aus dem Mund eines dreijährigen Kindes wirklich zu hören. Diese Glückseligkeit zu fühlen. Das Gefühl zu spüren, das entsteht, wenn jemand geliebtes meine Hand nimmt, mich anlächelt, mir zuhört. Ich bin am Leben, um zu leben. Darum geht es doch. All das Vorankommen ist doch darauf ausgelegt, das Überleben zu sichern. Und überleben macht doch nur Sinn, wenn wir dieses Überleben mit Leben füllen. Mit all diesen kleinen und großen wunderbaren Momenten, Gedanken und Gefühlen. Wenn sich das Leben gut anfühlt. Wenn wir das Leben wirklich sehen.

Ich wollte schreiben, dass ich durch die Achtsamkeit und den Fokus auf das Positive versuche, Senecas Worte zu leben. Das Leben zu nutzen, um diese kurze Zeit, als lang zu fühlen und zu sehen.

Ich wollte schreiben, wie sehr ich deshalb versuche, mich nicht von Kleinigkeiten nerven zu lassen und stattdessen meinen Blick auf das Gute zu wenden. Das tue ich. So oft ich kann. Auch jetzt versuche ich meine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was gut ist. Davon gibt es viel. Sehr viel. Ich kann das nicht für die Menschen tun, die… Ich kann das nur für mich tun. Ich bin dankbar.. Auch wenn ich traurig und schockiert bin und mitfühle mit.. Vielleicht erscheint es dir unangebracht, dich auf etwas Positives zu besinnen. Das verstehe ich. Auch für mich fühlt es sich ein wenig falsch an. Dennoch.. es gibt mir Kraft. Und es ist der einzige Weg für mich dem zu begegnen. Mit Stärke. Mit Mut. Mit Dankbarkeit.

Ich fühle mit den Menschen, die durch dieses Ereignis direkt betroffen sind. Und ich fühle mit den Menschen dieser Welt, die nicht das unsagbare Glück haben, das mir, meiner Familie und meinen Freunden vergönnt ist. Für dieses Glück bin ich dankbar. Ich kann nicht beschreiben, wie sehr.

_eure Andrea

 

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